Untersuchung zur Stereo-Kompatibilität von 3-Kanal-Mikrofonanordnungen
Jochen Schulz, 2006
Das Thema Mehrkanalwiedergabe oder neudeutsch Surround ist zum Zeitpunkt dieser Diplomarbeit bei weitem nichts Neues mehr. Seit vielen Jahren wurden Lautsprecher-Anordnungen entwickelt, welche mit einer möglichst kleinen Anzahl verschiedener Lautsprecher
eine möglichst einhüllende Wirkung auf den Hörer erzielen können. Bereits in den 1960er Jahren entstand die Quadrophonie, die sich zwar aufgrund konkurrierender Technologien nie richtig durchsetzen konnte, aber durchaus als eine frühe Variante der heutigen Surround-Technologie anzusehen ist. Seit 1992 besteht die heute noch übliche Lautsprecher-Anordnung ITU-R BS. 775-1 mit fünf gleichwertigen Lautsprechern, welche auch für den Hörvergleich dieser Arbeit verwendet wurde. In erster Linie vom Erfolg des Kinos vorangetrieben, existieren seit einigen Jahren nun auch diverse Tonträger-Formate, in denen der Konsument diese neuen Klangdimensionen zu Hause rezipieren kann. Der Standard CD wurde um weitere Formate erweitert, um die zusätzlichen Informationen speichern zu können. Hierzu gehören z.Zt. die DVDAudio, DVD-Video und SACD, welche allesamt über die Möglichkeit zur Speicherung von Mehrkanal-Audio-Daten verfügen. Während die Nutzung der fünf Wiedergabe-Kanäle beim Film inzwischen selbstverständlich ist und wohl am ehesten zum Erfolg der Surround-Wiedergabe-Systeme beigetragen haben dürfte, ist die Nutzung dieser Kanäle für klassische Musik immer noch fragwürdig. Unter Tonmeistern besteht bis heute Uneinigkeit über die Notwendigkeit des Center-Kanals.
Auch wenn dies sicherlich auch eine persönliche Geschmacksfrage darstellt, so soll diese Arbeit u.a. versuchen zu klären, ob die durch die neuen Formate nun mögliche Nutzung des Center-Kanals Vorteile auch für die Wiedergabe klassischer Musik bieten kann, oder ob dessen Nutzung ohne Auswirkung auf die Qualität der Wiedergabe bleibt oder sogar Nachteile mit sich bringt. Die Frage nach der Nutzung der Surround-Kanäle soll in dieser Arbeit nicht behandelt werden. Für diesbezügliche Informationen sei die aktuell erschienene Diplomarbeit von Frau Marie-Josefin Meindl empfohlen. Die Rundfunkanstalten verfügen vielerorts schon über Produktions- und Übertragungsmöglichkeiten für mehrkanalige Audio-Informationen. Zum Zeitpunkt dieser Arbeit gibt es bereits etliche Anstalten, die gelegentlich 5.1-Sendungen über DVB-S1 ausstrahlen (BR, MDR, HR, SWR, WDR). Der überwiegende Teil der Empfänger wird jedoch in nächster Zeit noch nicht über die erforderlichen Geräte zur Nutzung der DVB-S-Signale verfügen, sondern ein Stereo-Wiedergabesystem mit UKW2-Empfang nutzen. Die Rundfunkanstalten werden daher parallel zum Mehrkanalton weiterhin einen Stereoton ausstrahlen.
Eine zeitgleiche Ausstrahlung zweier verschiedener Formate lässt zumindest bei Live- Übertragungen zunächst die Forderung nach zwei eigenständigen Produktionsstudios und -teams aufkommen, was eine komplette Verdopplung der Produktionsmittel und -kosten hervorrufen würde. Für Übertragungen, die nicht live übertragen werden, ließe sich der Aufwand etwas beschränken, indem während der Aufnahme die Mikrofonsignale für beide Formate von nur einem Studio aufgezeichnet werden. Für die verschiedenen Formate müsste im Anschluss jeweis eine separate Abmischung vorgenommen werden, welche den eigentlichen Mehraufwand darstellt. Die Ausstrahlung einer Live-Übertragung in zwei verschiedenen Formaten würde die Rundfunkanstalten nicht nur vor die Grenzen ihrer Produktionskapazitäten stellen, sondern auch eine finanzielle Doppelbelastung darstellen, welche dauerhaft sicherlich von keiner Anstalt tragbar ist. Eine Sendung im Mehrkanalformat kann demnach nur erfolgen, wenn sich die beiden zu erstellenden Tonformate Zweikanal und Mehrkanal möglichst mit denselben Geräten und vom selben Aufnahme-Team zeitgleich erstellen lassen. Optimal wäre hierzu ein Mikrofon-System, welches über die nötige Anzahl an Kanälen verfügt, um das gewünschte Surround-Format auszufüllen, welches sich aber ebenfalls mittels eines automatischen Downmixes oder notfalls einer manuellen Mischung für das Zweikanal-Format
eignet. Es sollten sich selbstverständlich möglichst keine klanglichen Nachteile bilden gegen über einem reinen Stereo-Mikrofon, wie es bislang verwendet wurde. Die Frage nach einer parallelen Nutzung der Mikrofon-Anordnung für Zwei- und Mehrkanal-Wiedergabe ist aktuell sicherlich für den Rundfunk von größerer Bedeutung. Aber auch für die Produktion von Musik-Datenträgern wie DVD oder SACD ist die Fragestellung sicherlich interessant, da dort ebenfalls beide Formate parallel gespeichert werden können und entsprechend vorher mittels eines Mikrofon-Systems aufgenommen werden müssen. Die zeitgleiche Erstellung der beiden Formate ist für solche Produktionen zwar nicht unbedingt nötig, es ließen sich aber dennoch Produktionskosten einsparen, wenn auf eine kombinierte Mikrofonierung und Mischung zurückgegriffen werden könnte. Ziel der Arbeit ist es nun, einige etablierte Mikrofon-Anordnungen daraufhin zu prüfen, ob sie für diese Doppel-Anforderung in Frage kommen. Mittels Hörvergleich werden die verschiedenen Anordnungen nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen ihren eigenen Downmix antreten, um den Grad der Verschlechterung durch eine Reduktion auf zwei Kanäle festzustellen. Ebenfalls soll untersucht werden, ob die Nutzung eines separaten Stereo-Mikrofons zum Zwecke der Zweikanal-¨Ubertragung klanglich generell vorzuziehen ist gegenüber dem Downmix einer Mehrkanal-Mikrofon-Anordnung. Die gesammelten Ergebnisse sollen zuletzt anhand zweier weiterer Wiedergabe-Bedingungen – einer seitlichen Abhörposition und der Kopfhörer-Wiedergabe – überprüft und erweitert werden. Zum Zwecke einer möglichst detaillierten Untersuchung wird sich diese Arbeit auf die Unterschiede zwischen Zwei- und Dreikanal-Wiedergabe konzentrieren. Mit den Downmix-Eigenschaften der Surround-Kanäle wird sich eine weitere Diplomarbeit am Erich-Thienhaus-Institut in Kürze beschäftigen.
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