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Von der Liebe zum Holz

Exkursion in die Geigenbauhochburg Mittenwald

 Januar 2006

 

 Wie schon im vorangegangenen Jahr, so war auch 2006 der Tatendrang von Professor Görne und seinem dritten Semester nicht zu bremsen, und da der Berg rief, schnürte man seine Wanderstiefel und machte sich auf nach Mittenwald, um das dort gepflegte Geigenbauhandwerk näher kennen lernen zu können.

 Während der erste Tag der Exkursion vor allem von der unterhaltsamen gemeinschaftlichen Anreise, der herrlichen Landschaft, dem Winterwunderwetter und dem guten bayerischen Essen angefüllt war, ging es am zweiten Tag schon in der Frühe gutgelaunt zur Mittenwalder Geigenbauschule.

 Hier wurden wir vom Leiter des Hauses, Herrn Dipl.-Ing. Hoffmann, erwartet, der sich freundlicherweise bereit erklärt hatte, uns durch die Räumlichkeiten der Schule zu führen. Die Geigenbauschule in Mittenwald ist eine in Deutschland einmalige Ausbildungsstätte, deren Kern die Berufsfachschule für Geigenbau darstellt. Vor einigen Jahren wurde diese zudem durch die Abteilungen für Zupf- und Blasinstrumentenbau ergänzt. Die Erläuterungen von Herrn Hoffmann in Bezug auf die Ausbildungsstätte als solche offenbarten uns Studenten des ETI einige interessante Parallelen zwischen den zwei Instituten. So hält sich beispielsweise die Zahl der Auszubildenden an beiden Orten in einem ähnlichen Rahmen, es sind fachspezifische und musikalische Vorkenntnisse in einer Aufnahmeprüfung nachzuweisen, und neben dem praktischen wird ebenso ein fundierter theoretischer Unterricht mit physikalisch-technischen und musikalischen Inhalten erteilt.

 

 Bei den weiteren Ausführungen Hoffmanns erhielten wir einen interessanten Einblick in die Geschichte des Geigenbaus, die im deutschen Raum eng mit der Mittenwalder Tradition verknüpft ist, sowie einen Überblick über die verschiedenen Fertigungsschritte eines Streichinstrumentes. Bei dieser Gelegenheit konnten wir den Geigenbauschülern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und mit eigenen Augen die filigrane Ausarbeitung der Decke, die kunstfertige Formung der Schnecke oder die maßgenaue Positionierung des Stimmstockes beobachten. Hierbei durchliefen wir auch, gewissermaßen im Zeitraffer, die unterschiedlichen Stationen der dortigen Ausbildung, vom ersten eigenen Neubau über das Lackieren bis hin zur Reparatur älterer Exemplare. Auch viele interessante physikalische Zusammenhänge wurden von Herrn Hoffmann fachkundig erläutert, die wir Studenten mit dem bereits bei Prof. Görne Gelernten verbinden konnten. Der ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Rundgang wurde mit einem Kurzausflug in die Abteilung für Zupfinstrumentenbau fortgeführt, wo wir etwa sehr schön gestaltete Einlegearbeiten aus Perlmutt bewundern durften, um schließlich in die Abteilung Blasinstrumentenbau zu münden, wo Herr Hoffmann anhand eines Kornetts mit einigen erklärenden Sätzen die Fertigung eines Blechblasinstrumentes umriss. Der gesamte Rundgang wurde gesäumt von kunstfertigen Schülerarbeiten aus dem eigenen Hause, und nicht selten war man geneigt, einige Minuten vor den aufgestellten Vitrinen zu verweilen, um in Ruhe die sich an den Exponaten zeigende Handwerkskunst bewundern zu können.

Nach dem Abschluss der Führung war für allerlei Diskussionsstoff unter uns Studenten gesorgt, und für viele hatte sich ein völlig neuer Blick auf die Welt des Instrumentenbaus eröffnet. So verließ man, nachdem man sich bei Herrn Hoffmann für die interessanten und ausführlichen Erläuterungen bedankt hatte, um einige Erkenntnisse reicher die Mittenwalder Geigenbauschule.

 Nach dem gemeinsamen Mittagessen ließ der nächste Termin nicht lange auf sich warten, und man begab sich in die Werkstatt des Geigenbaumeisters Anton Sprenger, hoffend, die Instrumentenbaukunst noch von einer anderen Seite beleuchten zu können.

 Herr Sprenger, Absolvent der Geigenbauschule, begrüßte uns sehr freundlich ins seiner kleinen Werkstatt, und erläuterte noch einmal kurz die unterschiedlichen Arbeitsschritte bei der Fertigung einer Geige. Hierbei merkten wir sehr schnell, mit welchem Herzblut der Handwerksmeister seine Arbeit verfolgte, und ließen uns augenblicklich von seinem Enthusiasmus mitreißen. Beeindruckend war für uns alle die Lebensphilosophie, die untrennbar mit seinem Beruf verknüpft schien, die Ruhe, mit der er seine Arbeit wahrnahm, die Liebe zum Material, die persönliche Bindung zu seinem Schaffen, und vor allem die auf uns Außenstehende fast romantisch-verklärt anmutende Einstellung und Erwartung gegenüber seinen Kunden, die sich in der ablehnenden Haltung jeglicher breiteren Kommerzialisierung seines Geschäftes äußerte.

 

 So wie der Geigenbaumeister als Schaffender im Prozess des Entstehens die Liebe zu seinen Instrumenten entwickele, so Herr Sprenger, werde sich sicherlich - und sei es erst viele Jahre später - auch ein Geiger einfinden, der die Liebe zum Instrument teile. Eine Darstellung, die uns allen als ausübende Musiker, denen solch enge Bindungen zwischen Mensch und Instrument durchaus bekannt sind, sofort einleuchtete. Herr Sprenger unterstrich diese Aussage im Weiteren durch verschiedene Erfahrungsberichte und Anekdoten über Musiker, die sich in seiner Werkstatt in eines seiner Instrumente verliebt hatten, und sich danach oft stundenlang nicht von diesem einen Instrument trennen konnten.

 Bereitwillig stand Herr Sprenger daraufhin für weitere Fragen zur Verfügung. Auf eine entsprechende Nachfrage hin erläuterte er in für uns erhellende Art und Weise seine kritische Sichtweise auf den in heutiger Zeit betriebenen Kult um besonders alte Streichinstrumente und deren angeblich überlegenen Klang sowie den zum Teil daraus resultierenden rein materiellen Wert. Ein Blickwinkel, der vor allem deswegen von besonderem Interesse schien, da unser Gegenüber offensichtlich ein in die entsprechende Branche eingeweihter und in diese Entwicklung stark eingebundener Akteur war.

 Die warmen und schwärmerischen Worte, die Herr Sprenger bei all seinen Erzählungen fand, ließen uns, nachdem wir uns bei ihm bedankt und die Werkstatt verlassen hatten, uns selbst dafür beglückwünschen, offensichtlich auf einen Geigenbaumeister gestoßen zu sein, der seinen Beruf noch im eigentlichen Wortsinn als Berufung wahrzunehmen schien, ihn mit entsprechender Sorgfalt und persönlicher Hingabe ausübte und ihn dabei wertzuschätzen wusste.

 Der zweite Tag der Exkursion klang schließlich mit einem gemeinsamen Abendessen aus, das zum Schluss mit einem fröhlichen Spieleabend garniert wurde. Bis oben hin gefüllt mit Erkenntnissen über bayerische Geigenbautradition, Erkenntnisse über bayerische Geigenbauphilosophie und Erkenntnisse über bayerisches Geigenbaubier legten wir uns schließlich alle schlafen, wohl wissend, dass auch der nächste Tag ein ähnlich erkenntnisreicher sein würde.

 Und so war es auch: zunächst kam die Erkenntnis, dass wir ganz offensichtlich in einer fabelhaften Pension gelandet waren, denn von selbst hätten wir nach dem gemeinsamen wunderbaren Frühstück mit Blick auf die Stadt und die umgebenden Berge wohl kaum den Frühstückstisch verlassen. Pflichtbewusst rutschten wir schließlich doch in die Stadt, teils stehend, teils liegend, denn die Straße ward geschmückt von einer zentimeterdicken Eisschicht, welche die eine oder den anderen von uns schier zur Verzweiflung brachte.

 Wir besuchten an diesem Tag zunächst einen Geigenbaumeister, der sich sein Interview von jedem Touristen bezahlen ließ. Dementsprechend war seine kleine Werkstatt, mitten in der Stadt mit angeknüpftem Souvenir- und Musikalienhandel, auch ganz für solche Anlässe ausgelegt. Immerhin ließ der Meister zu unser aller Freude unsere zwei Geigerinnen im Kurs zwei Instrumente ausprobieren und vergleichen, während der Rest unseres Semesters aufmerksam und bewundernd lauschte. Etwas enttäuscht waren wir von dem kommerziellen Flair - die Werkstatt als Schaufenster -, und fanden wenig Spuren von der Liebe zu seinem Instrument, das er 25 Jahre lang in großer Stückzahl baute; doch hatten wir nun wohl beide Seiten vom Beruf des Geigenbauers gesehen. Es ist nun einmal so: viele Geigenbauer bleiben nach Abschluss ihrer Ausbildung in Mittenwald – und dort herrscht bereits eine große Konkurrenz.

 

 Nach einer kleinen Stärkung stand ein Besuch im frisch renovierten und erstaunlich mondän gestalteten Geigenbaumuseum an. Hier wurden wir nicht enttäuscht. Das Geigenbaumuseum von Mittenwald glänzte mit einer Fülle von Exponaten, doch nicht nur das: Verknüpft mit der Geschichte Mittenwalds, wurde der Besucher in jedem Raum dazu angeregt, nicht nur interessantes zu sehen, sondern auch, es selbst zu erleben. So konnte man beispielsweise die Bestandteile von Geigenbaulack riechen, Hölzer verschiedener Art in die Hand nehmen und vergleichen, und es wurden lustige und lehrreiche Filme gezeigt, die abschließend alles gelernte noch einmal zusammenfassten.

 Im Anschluss an diesen Besuch fühlte sich jeder von uns etwa so, als gäbe es nichts weiteres zu lernen, weder über Geigen noch über Mittenwald, also stürzten wir uns in die Berge, durch Schnee und Eis, und verausgabten uns, sonst nur Regen gewöhnt, im Karwendelschnee. Wir bewarfen uns mit selbigem bis zur Dämmerung, mit der wir in der Korbinianhütte eintrafen und unsere unterkühlten Tonmeisterohren mit Volksmusik und warmen Getränken langsam wieder zum Leben erweckten. Auch dieser Tag endete mit deftigem bayerischen Essen und langen lustigen Unterhaltungen bis in die späte Nacht, wissend, dass dies die letzte dieser tollen Exkursion sein würde.

 Doch bevor wir am nächsten Tag den Heimweg antraten, stand noch ein letzter Besuch an, der uns alle begeisterte und erstaunte: wir besuchten früh morgens den Mittenwalder Zither- und Gitarrenbauer Georg Schandl. Etwas abseits der Innenstadt, im Keller eines schönen Wohnhauses gelegen, zeigte er uns seine kleine Werkstatt, und führte uns Zithern vor, die uns zutiefst beeindruckten. Nicht nur, weil wir nun lernten, wie solch ein Instrument zu spielen ist, oder weil seine Instrumente wunderschön anzusehen sind: nein, Herr Schandl verfügt über ein sehr großes Fachwissen über Elektronik, welches er sich selbst, nach seiner Ausbildung zum Zupfinstrumentenbauer, angeeignet hatte. Er hat nicht nur eigene Piezotonabnehmer für elektrisch verstärkte Zithern entworfen und gebaut (deren Teile teilweise aus dem Flugzeugbau entstammen), sondern sogar in die Zithern ein akustisches Laufzeitglied eingebaut, ohne es unter diesem Namen zu kennen. Dieser Besuch war das berühmte i-Tüpfelchen: wir waren begeistert von den Fähigkeiten dieses Mannes, der es verstand, Technik und Musikalität mit Freude zu vereinen, und wir würden uns freuen, ihn in einem Gastseminar in Detmold noch einmal erleben zu dürfen.

 

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  (Text: Christopher Tarnow, Max Holtmann; Fotos: Julia Hermann, Mina Kim)

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