Untersuchung zum Downmix von Raummikrofonanordnungen
Michaela Wiesbeck, 2006
Seit der zunehmenden Verbreitung von Mehrkanalton, der vorwiegend durch Medien wie die DVD-Video in heimischen Wohnzimmern Einzug erhält, wird verstärkt auch in der Musikindustrie auf Surround-Formate gesetzt. Hierbei lässt es sich sowohl als spannend als auch als problematisch bezeichnen, dass gegenwärtig auf allen Ebenen des Produktionsprozesses, sowie bei der Vermarktung und Wiedergabe mehrkanaligen Tonmaterials Unsicherheit über die existierenden und entstehenden Standards, deren Zukunft, Einhaltung und Richtigkeit besteht.
Da die Mehrheit der Konsumenten aber noch nicht mit einer mehrkanaligen Abhöranlage ausgestattet ist, muss eine gleichwertige und gleichzeitige Abhörmöglichkeit beider Formate, Surround und Stereo, gewährleistet sein. Dies wird bei der Produktion bevorzugt durch zwei voneinander unabhängige Mikrofonierungen oder zumindest Mischungen erreicht, was aber in Bezug auf Zeit-, Technik- und Arbeitsaufwand einen großen Mehrkostenfaktor für die Produzenten darstellt. Besonders für eine simultane Ausstrahlung von Liveübertragungen im Rundfunk wäre es von großem Nutzen, auf eine automatische Stereoerzeugung aus einer Mehrkanalmischung zurückgreifen zu können. Daher wurden von mehreren Seiten statische Koeffizienten oder dynamische Algorithmen entworfen, um aus bestehenden Surroundaufnahmen adäquate Stereoversionen zu generieren.
Üblicherweise versuchen die Erfinder von Downmixalgorithmen auf die rechnerisch nachweisbaren sowie ästhetischen Problematiken, die ein automatischer Downmix mit sich bringt, einzugehen und mit verschiedenen Lösungsansätzen ein optimiertes Stereo-Ergebnis zu erlangen.
In dieser Arbeit soll der umgekehrte Weg untersucht werden: Ist es möglich, bereits durch die Wahl einer Mikrofonaufstellung bei der Surroundaufnahme ein bestimmtes Downmixergebnis vorauszusagen?
Obwohl vor allem Aufnahmen größerer Klangkörper selten durch die ausschließliche Aufstellung von Hauptmikrofonen bewerkstelligt werden, will sich diese Arbeit lediglich mit den Auswirkungen der Hauptmikrofonwahl beschäftigen, da diese Anordnungen in der Berufspraxis von Aufnahmen in natürlichen Räumen meist die Basis der endgültigen Mischung bilden.
Da viele Aufnahmen klassischer Musik die natürliche Wiedergabe eines Schallereignisses in einem realen Raum zum Ziel haben, liegt die Verwendung eines Hauptmikrofonkonzeptes nahe, da es für diese Aufgabenstellung viele Vorteile bringen kann:
• natürliche Abbildung der Instrumente und ihrer Umgebung: Durch das Hauptmikrofon können sowohl direkte Schallanteile der Klangquellen als auch deren Reflexionen eingefangen werden. Dadurch werden sowohl Informationen zur Aufstellung der Spieler als auch Informationen des umgebenden Raumes eingefangen, was sich besonders für Aufnahmen in gut klingenden Konzertsälen lohnt.
• gute Tiefenstaffelung möglich: Die Abbildung der tatsächlichen Verhältnisse der frühen Reflexionen ermöglicht eine Darstellung
der Tiefenstaffelung einer Klangquelle.
• Einfangen der natürlichen Ballance der Stimmen möglich: Für musikalisch hochwertige Aufnahmen ist es sehr von Vorteil, die natürliche Ballance der Stimmen übertragen zu können. Allerdings ist dies vor allem bei großen Klangquellen nicht immer möglich bzw. nicht immer befriedigend. Die fehlende Unterstützung des Sehsinns bei der Unterscheidung musikalischer Gruppen (z.B. ein Solist bei großbesetztem Orchester) führt bei der reinen Tonaufnahme oft zur Verwendung zusätzlicher Mikrofone.
• einfache Handhabung: Durch geringen technischen (und wirtschaftlichen) Aufwand kann für viele Situationen ein gutes Klangergebnis zumindest als Basis einer Mischung gewonnen werden.
Ziel dieser Untersuchung ist es, festzustellen, ob die Klangcharakteristik einer 3/2-Stereo-Mikrofonierung bei Aufnahmen in akustischen Räumen auch im automatischen Downmix erhalten bleibt und somit das Downmixverhalten einer Mikrofonaufstellung einschätzbar wird.
Zu diesem Zweck werden bestimmte Klangeigenschaften verschiedener Mikrofonierungsideen vergleichend in 5.0 sowie nach erfolgtem automatischen Downmix nach 2.0 durch einen Hörvergleich bewertet.
Um den Rahmen dieser Untersuchung nicht zu sprengen wurde das Themengebiet folgendermaßen begrenzt:
• ausschließliche Untersuchung von Raummikrofonanordnungen (lediglich mit Wechselwirkung zum L-C-R-Mikrofon) als Bestandteil einer Hauptmikrofonie. Dabei wird in dieser Arbeit unter Raummikrofon stets eine Mikrofonanordnung verstanden deren Ziel es ist, vorrangig diffuse Schallanteile aufzunehmen und ausschließlich oder mitunter die hinteren Kanäle einer 5.0-Wiedergabeanordnung nach ITU-R Bs.755-1 zu bedienen.
• Einschränkung auf den Bereich: Aufnahmen in realen Konzerträumen
• Beschränkung der Untersuchung auf Schallereignisse aus dem Frontalbereich
• Nichtberücksichtigung des LFE-Kanals
Auf die Tatsache, dass die meisten bislang vorhandenen Mehrkanal-Anlagen der Konsumenten weder aus fünf gleichwertigen Lautsprechern bestehen - wie in [ITU 755-1] gefordert- noch an optimalen Positionen aufgebaut sind und damit die vermeintlichen Vorteile des Surround-Standards durchaus auch negative Auswirkungen haben können, soll bei dieser Arbeit keine Rücksicht genommen werden.

