Vergleich von Mikrofonaufstellungen zur Raumwiedergabe über 5.1 Surround
Marie-Josefin Meindl, 2006
Seit vielen Jahren ist das Thema Surround in aller Munde. Angefangen bei den ersten Versuchen mit Vierkanalton in den 1970er Jahren, der sogenannten Quadrophonie, erhielt der Mehrkanalton Schritt für Schritt Einzug in die Musik- und Filmindustrie.
Besonders im Kino, das heutzutage ohne Mehrkanalton schon nicht mehr vorzustellen ist, wurde diese Entwicklung sehr schnell vorangetrieben, so dass schon 1977 die ersten Kinofilme im kommerziell erfolgreichen Format Dolby Stereo gezeigt werden konnten. Insgesamt entwickelte sich der Mehrkanalton jedoch mehr und mehr zu einem beliebten Stilmittel zur Gestaltung von Klang im weitesten Sinne.
Auch im Bereich klassischer Musik ist das Thema Surround nicht mehr neu. Unzählige Beiträge zu diesem Thema sind bei Konferenzen, Foren und Workshops innerhalb der letzten Jahre und Jahrzehnte veröffentlicht worden. Schon 1978 präsentierten zum Beispiel B. Harrison und P.B. Fellgett auf einer Tagung des Vereins deutscher Tonmeister eine Untersuchung zu den “zusätzlichen subjektiven Eindrücken” [Harrison et al. 1978], die bei Rundfunkübertragung von matrizierten Vierkanal-Aufnahmen vermittelt werden können. Sie beschreiben:
“Seit einiger Zeit zielt die Entwicklung auf den Gebieten der Rundfunkübertragung und der Tonaufnahme auf eine Ausdehnung der Richtungsinformation ganz um den Hörer herum ab. [...] Dies darf als Surround-Sound-System oder kurz als Surround- Übertragung bezeichnet werden.”
[Harrison et al. 1978] (S. 411)
S. Roth fasste 1990 in einem Artikel der 16. Tonmeistertagung noch einmal die zu dieser Zeit oft behandelten Fragen zum Entwurf eines (damals noch nicht standardisierten) Surround-Setups zusammen:
“Die verschiedenen Varianten einer Surround-Anlage sind durch drei Merkmale gekennzeichnet:
- Anzahl der ¨Ubertragungskanäle
- Anzahl der Surround-Wiedergabesignale
- Anzahl und Aufstellung der Surround-Lautsprecher.”
[Roth et al. 1990] (S. 192)
1992 wurden dann schließlich die Anzahl der Übertragungskanäle und die Lautsprecher-Aufstellung durch die ITU standardisiert [ITU-R BS.775-1]. Trotzdem blieben und bleiben immer noch genug offene Fragen bezüglich der Aufnahme und Mischung von
Surround-Aufnahmen, zu Varianten des ITU-Standards und vielem mehr.
Trotzdem ist der Mehrkanalton nach genanntem ITU-Standard inzwischen auch in der Klassik weitgehend etabliert. Tonmeister sind in der Praxis seit vielen Jahren mit diesem Thema konfrontiert, einige Rundfunkanstalten wie der Bayerische Rundfunk und der ORF senden heute teilweise in Surround, und ein kleiner aber fester Bestandteil auch des klassischen Musikmarktes wird inzwischen von DVD Audio und SACD bestritten.
Dabei werden selten Direktsignale von hinten wiedergegeben, manchmal aber Effekte wie Fernorchester oder Fernchöre. Augenscheinlich geeignet ist die Fünfkanal-Aufnahmetechnik natürlich für Kompositionen, die eine 360°-Beschallung um den
Hörer schon bei der Aufführung verlangen. Meistens dienen die hinteren Kanäle bei klassischen Aufnahmen jedoch der Raumwiedergabe.
Der folgende Vergleich konzentriert sich ebenfalls auf die Wiedergabe des Raumes über die hinteren Surround-Kanäle bei der Aufnahme von klassischer Musik. Dabei wird stets von einer Wiedergabe über die Referenz-Lautspecheranordnung für 5.1 Surround
nach ITU-Standard [ITU-R BS.775-1] ausgegangen.
Ein Überblick über den Aufbau des Schallfeldes im geschlossenen Raum und über verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten des Raumes bei der Aufnahme werden in Kapitel 2 erläutert. Konkrete Vorschläge für Surround-Mikrofonaufstellungen werden in Kapitel
3 dargestellt und den eher pragmatischen Herangehensweisen von einigen praktizierenden Tonmeistern gegenüber gestellt.
In den darauf folgenden Kapiteln wird schließlich ein Vergleich von Mikrofon Setups für die hinteren Surround-Kanäle dargestellt. Ziel dieses Vergleichs ist, unter Einbeziehung sowohl theoretischer als auch praktischer Aspekte, einen Überblick über verschiedene Mikrofon Setups für die Raumgestaltung bei einer Surround-Aufnahme zu liefern.
Dafür wurden 12 Mikrofonpaare mit unterschiedlichen Richtcharakteristiken und verschiedenen Positionen verglichen.
Alle Paare wurden mit dem gleichen vorderen Stereo Setup ergänzt. Der Centerkanal wurde dabei nicht verwendet, um die Konzentration auf die Problematik der rückwärtigen Raumabbildung zu fokussieren und die zahlreichen Fragen zur Benutzung des Centerkanals aus diesem Vergleich auszuklammern. Diese Problematik verlangt ohne Zweifel gesonderte Aufmerksamkeit, was den Rahmen dieser Arbeit aber sprengen würde. Das gleiche gilt für die Verwendung des LFE-Kanals, sowie die Behandlung der Sweetspot-Problematik bei der Wiedergabe, was ebenfalls nicht Gegenstand dieser Untersuchung ist.
In einem Hörversuch wurden schließlich die Auswirkungen der verschiedenen Setups insbesondere auf die Raumempfindung untersucht. Die Ergebnisse dieses Vergleichs werden in Kapitel 6 dargestellt.

