Berufsbild
Der Name des Detmolder Tonmeister-Studienganges, Musikübertragung, leitet sich aus der Tatsache ab, dass bei einer Aufnahme gewissenmaßen Musik von der Live-Aufführung (für die Musik in den meisten Fällen vorgesehen ist) in die Welt der Tonkonserve transformiert wird. Eine Musikaufnahme folgt in mancher Hinsicht allerdings eigenen Gesetzmäßigkeiten und bringt besondere Probleme mit sich. Um diese zu meistern und eine sowohl klangtechnisch als auch musikalisch gelungene Aufnahme realisieren zu können, bedarf es beim Aufnahmeleiter sowohl technischer als auch musikalischer Qualifikation. Hier liegt der Unterschied zu anderen verwandten Berufsbildern im Bereich der Tontechnik: Das Tonmeisterstudium ist nur zur Hälfte technisch geprägt; die andere Hälfte ist eine fundierte musikalische Ausbildung.
Frage an Klaus-Dieter Harbusch, Tonmeister: "Was war Ihre Hauptmotivation, Tonmeister zu werden?" - "a) Es reichte nicht zum Musiker, b) es reichte nicht zum Physikstudium."
Am Beispiel einer Klassik-Musikproduktion (grundsätzlich gilt das
Berufsbild für alle Musikbereiche) wird die Rolle des Tonmeisters
deutlich: Zunächst gilt es, die sogenannte Klangeinstellung vorzunehmen. Neben der Beherrschung sämtlicher Instrumente der Aufnahmekette - vom Mikrofon bis zum Lautsprecher - sind dafür umfangreiche Kenntnisse über die musikalisch-akustischen Eigenschaften der Instrumente erforderlich (Schallabstrahlung, Dynamik, Frequenzspektren...); besonders im Bereich der Klassik spielt auch die Raumakustik
eine wichtige Rolle. Mit der aktuellen Entwicklung der Aufnahmetechnik
in Richtung Mehrkanalton ("Surround Sound"), die insbesondere durch
neue Tonträgerformate wie DVD oder SACD ermöglicht wird, gewinnt dieser
Bereich noch mehr an Komplexität und fordert in noch stärkerem Maße als
bisher die Kreativität des Tonmeisters.
Schon an dieser Stelle kann es unabdingbar sein, über musikalische Stilkenntnis
zu verfügen: Welcher Raum ist akustisch geeignet, um die jeweilige
Musik optimal zur Geltung zu bringen? Welche aufführungspraktischen
Besonderheiten (Stichworte Historische Aufführungspraxis, Neue Musik
etc.) sind zu bedenken? Welche Balance der Instrumente untereinander
ist der Partitur angemessen? - Bereits bei der Anordnung der Musiker,
der Mikrofonaufstellung und der Mischung eines entsprechenden
Klangbildes sind solche "klangästhetischen" Fragen unter Umständen von
großer Bedeutung, um dem Werk des Komponisten und den Intentionen der
Musiker auch aufnahmetechnisch gerecht zu werden.
Ist die Klangeinstellung abgeschlossen, beginnt die eigentliche
Aufnahme, und es gilt, den erwähnten typischen Gesetzen der
Schallplatte Rechnung zu tragen: Ein falscher Ton beispielsweise spielt
im Konzert nur eine geringe Rolle, da es sich hier um ein einmaliges
Ereignis handelt und die Live-Atmosphäre im Vordergrund steht. Eine
Aufnahme wird dagegen wiederholt angehört, so dass sämtliche
Unzulänglichkeiten mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund treten
und ungleich störender wirken. Es bedarf also eines sehr gut geschulten
musikalischen Gehörs, um alle "Unsauberheiten" bemerken und
entsprechend benennen zu können. Auch eine in der spontanen
Live-Situation eines Konzertes vielleicht ansprechende musikalische
Gestaltung könnte nach dem vierten Hören zuhause als unpassend
empfunden werden.
Das größte Problem stellt jedoch der bei der Tonkonserve fehlende
visuelle Eindruck dar: Sämtliche optischen Eindrücke (Bewegungen der
Musiker, allgemeine Live-Atmosphäre u. ä.) finden nicht den Weg auf die
CD, so dass es in vielen Fällen einer wesentlich stärkeren
musikalischen Verdeutlichung bedarf als im Konzertsaal, um ein für den
Zuhörer ansprechendes Resultat zu erzielen. Während der Aufnahme wird
das bisherige Ergebnis immer wieder gemeinsam mit den Musikern
abgehört, und oftmals ist dabei das qualifizierte Urteil und die
konstruktive Kritik einer "externen" Person sehr hilfreich. In diesem
Abschnitt, der sogenannten künstlerischen Aufnahmeleitung,
spielen Qualitäten wie Einfühlungsvermögen und Sensibilität eine große
Rolle, um trotz der oftmals nüchternen Studioatmosphäre ohne Publikum
für die Musiker optimale Bedingungen zu schaffen.
"Ein Tonmeister sollte - bei einem hohen Grad an Kenntnissen - bestimmt, aber nicht überheblich mit den Künstlern kommunizieren können."
(Prof. Giselher Klebe, Komponist u. ehem. ETI)
Den eigentlichen Aufnahmesitzungen folgt der sogenannte Teil der Postproduktion: Bei Mehrspuraufnahmen muss eine Mischung
der einzelnen Mikrofonkanäle auf das endgültige Format (bislang meist
Stereo, also zweikanalig) vorgenommen werden; eventuelle klangliche
Nachbearbeitungen beziehungsweise Effekte erfolgen ebenfalls oft erst nach der Aufnahme. Die vielleicht wichtigste Aufgabe ist jedoch der Schnitt (auch Editing
genannt), der heutzutage so gut wie ausschließlich mit
computergesteuerten Systemen bewältigt wird. Aus dem umfangreichen
Material der Aufnahmesitzungen werden die besten "Takes" unhörbar
zusammengeschnitten, um ein optimales Endprodukt zu erzielen. Der
zeitliche Aufwand ist hierfür gewöhnlich mindestens so groß wie bei der
eigentlichen Musikaufnahme. -
Das klassische Berufsbild des Tonmeisters als künstlerischer
Aufnahmeleiter bei Musikproduktionen wird immer mehr erweitert durch
andere Tätigkeitsbereiche, bedingt durch die stärkere Verflechtung
multimedialer Techniken. So ist der Beruf "Tonmeister" auch bei
Theater, Film und Fernsehen anzutreffen, wo für den Tonbereich in
vielen Fällen ebenfalls kompetente Kräfte mit einem geschulten Gehör
benötigt werden.
Übrigens: Die Bezeichnung "Tonmeister" ist - beispielsweise im
Gegensatz zu "Toningenieur" - leider nicht gesetzlich geschützt. Den
staatlich anerkannten Titel "Diplom-Tonmeister" allerdings vergibt
neben der Hochschule für Musik Detmold nur die Universität der Künste
Berlin, wo eine ähnliche, musikalisch-technische Doppel-Ausbildung wie
in Detmold angeboten wird.
(ds)

